Raus aus den Tunnelrealitäten

19.08.2021

Ist Ihnen aufgefallen, dass wir in einer Welt des durcheinander Plärrens  mit ansteigender Laustärke und Aggression leben, getrieben von Empörung, Betroffenheit und Beschwörung des Negativen? Eigentlich passt das gar nicht in unser aufgeklärtes Weltbild. Wir konnten doch viele Mythen immer wieder durch wissenschaftliche Erkenntnisse ersetzen und nun das? Statt die Herausforderungen der Gegenwart klug zu analysieren und angemessene Lösungen zu entwickeln, würden einige gerne wieder mit Mistgabeln und Fackeln losrennen, um ihre Wahrnehmung zur einzigen Wirklichkeit werden zu lassen. Man könnte denken, dass wir mit unserer Zukunftsfähigkeit weiter gewesen wären. Aber vielleicht liegt genau hier der Hund begraben. Je weiter wir in die Tiefen des Weltraums hineinleuchten, desto mehr wird klar, dass wir uns noch immer in einem wilden Taumel der Unwissenheit bewegen. Auf die Spitze trieb es der Philosophieprofessor Markus Gabriel, der uns erklären konnte, warum es die Welt nicht gibt. Natürlich gibt es die Dinge in ihr, die Welt als Dach über allem, ist allerdings eine Fiktion, die uns als Ordnungshilfe das Unbegreifliche begreifbar machen soll. Das bringt vieles aus den Fugen und lässt das Bedürfnis nach Gewissheit wachsen. Die Sehnsucht Gewissheit zu erlangen, war die Triebfeder Religion und Wissenschaft entstehen zu lassen, aber je tiefer wir graben, desto mehr müssen wir feststellen, dass Realitätssinn ein Sinn für Unendlichkeit ist. Die Zukunft bleibt ein abstrakter Raum, in den wir Dinge hineinprojizieren und Bestätigung suchen. Die Pandemie mit all ihren apokalyptischen Kaffeesatzlesereien hat uns in kognitive Rückfallmechanismen getrieben – aus Wunschbildern wurden Angstbilder, das negative Narrativ hat durch den Kontrollverlust überhandgenommen, dabei hätte sie uns durch die nie dagewesene gesellschaftliche Kohärenz zur der Wiederentdeckung einer inneren Zukünftigkeit als globale Gesellschaft treiben müssen. Doch die mediale Hochpeitschkultur hat uns so unter Druck gesetzt, dass die Menschen so empfindlich geworden sind, dass sie das Leben nicht mehr aushalten. Angst ist das, was uns wach macht. Finden wir keinen Umgang, folgen Verbitterung und Börsartigkeit, die wir auf andere projizieren. Das begünstigt das Entstehen von Verschwörungstheorien und Wahngebilden, die merkwürdige Allianzen von Nazis und Hippies hervorbringen können, die versuchen, unser Miteinander zu kippen. Das Ärgerliche dabei ist, dass diese Weltbilder infektiös sind wie Viren. Sie verbreiten sich schnell und unter dem Radar. Sie sind der Grund für Denk- und Fühlmuster, die wir von vor der Aufklärung kennen und von denen wir glaubten, nicht mehr in sie zurückzufallen. Nun haben wir es auf der einen Seite mit Pessimismus, einer zukunftsverneinenden, verbunkernden Seuche zu tun, auf der anderen Seite sehen wir einen naiven Zwangsoptimismus, der sich der Erkenntnis verschließt, dass nicht alles da draußen uneingeschränkt gut ist. Was wir bräuchten, wären ein neuer Konstruktivismus und Realismus mit der Bürgerpflicht zur Zuversicht, denn nur Zuversicht kann der radikalen Beschwörung des Negativen einen lernfähigen Gestaltungswillen entgegen setzen. Dies bedarf aber eines neuen Umgangs mit Medien und einem Gegenentwurf zum Clickbaiting. Wir brauchen eine Rückkehr von der Aufmerksamkeitskultur zur Wissensgesellschaft, Wege aus den Tunnelrealitäten, die den Fortschritt des Wissens pulverisieren, im Tausch gegen fünf Minuten Blitzlichtgewitter, denn am Ende sind wir Wesen, die sich mithilfe ihrer Phantasie auf einen Punkt am Horizont zu bewegen können, den wir Zukunft nennen. Entscheiden wir uns im Sinne der Matrix für die rote statt die blaue Pille und verlassen den Kaninchenbau der sozialen Medien bevor diese uns aufeinander losgehen lassen.