Germany 2.0.

21.04.2021

Früher gab es die Spinner links und rechts, die Weltfremden und die ewig Gestrigen – den Rest beanspruchte die breite Mitte für sich. Hier wurde ausgemacht wie es weiter geht. In der kongruenten Menge, einer in der Regel unaufgeregten aber oft vor sich hin wabernden Masse. Diese Mitte einte ein Wertesystem, das in erster Linie auf den Lerneffekten des zweiten Weltkriegs aufbaute, dass ein „First“-Narrativ wie es immer wieder aus der populistischen Mottenkiste gezogen wird, in einer immer kleiner werdenden Welt keine Option sein kann und das ein Miteinander mehr Perspektive hat als ein Gegeneinander. Oft resultierte daraus ein beschauliches Nebeneinander der Lebenswelten mit vielen Gelegenheitsüberschneidungen im Alltäglichen. Eine solch historisch einmalig einschläfernde Ruhephase lud und lädt immer wieder zu Unterbrechungen ein: durch die Bewegung der 68er, den Terror der RAF, die Anti-Atombewegung, die Wiedervereinigung aber auch durch das Fußball-Sommermärchen des Jahres 2006. Jedes einzelne dieser Ereignisse prägte uns auf seine Weise, brachte aber den Tanker niemals wirklich ab vom Kurs.

Nun leben wir in einer anderen Situation. Wir sehen uns mit einem unsichtbaren Feind konfrontiert, der uns die bisherige Form des Miteinanders soweit vergrätzt, dass der Druck auf die Mitte zu einer Implosion zu führen scheint. Wir sehen Staatsgläubige auf der einen und Querdenker auf der anderen Seite und sehr viel dazwischen. Die pandemiebedingt-fehlenden Gespräche führen zu einer schrittweisen Abkopplung der Menschen und zu der zunehmenden Selbstbeantwortung wichtiger Fragen des inneren Kompass, die früher von den sogenannten Leitmedien im Gesamtkontext beantwortet werden konnten. Nur gibt es diese so auch nicht mehr, was dazu führt, dass die digitalen Medien Meinungen, Haltungen und auch das Wertesystem, was wir als Minimalkonsens erachten, zunehmend erodieren lassen. Man könnte sich darüber freuen, dass die digitalen Medien nun eine nie geahnte Meinungsvielfalt erblühen lassen – sie begünstigen aber auch, dass sich paranoide Parallelwelten wasserdicht verschließen und sich gegen alles abzuschotten wissen, was einem nicht in den Kram passt. Das Ergebnis ist eine Gesprächsunfähigkeit wie es sie vermutlich nicht einmal im Mittelalter gab. Die gewonnene Fähigkeit, Meinungsvielfalt zu ertragen, die eigene Identität durch Auseinandersetzungen mit anderen Wertewelten infrage zu stellen, das individuelle Mindset weiterzuentwickeln: All das hat darin wenig Platz. Und zwar umso weniger, je stärker die Denkwelten auseinanderdriften. Im Ergebnis erleben wir eine gesellschaftliche Spaltung und momentane Unvereinbarkeit von unantastbar geglaubten Wertevorstellungen. Es braucht etwas Anstrengung und auch Mut, um das Vertrauen in die These zu gewinnen, dass diese Entwicklungen alle einer momentanen Desorientierung geschuldet sind, da die fortschreitende Digitalisierung, die Pandemie, der Klimawandel und das Zusammenwachsen der Welt ein bisschen zu viel auf einmal für unser Miteinander sind. Den Weg aus dieser dunklen Nacht leuchten uns die immer noch vielerorts vorhandenen Überschneidungen im Denken, Fühlen und Handeln. Sie zeichnen uns die Landkarte für ein neues Wir. Daran zu arbeiten, wird genauso wichtig wie das ganze, durch die Coronaschließungen zerschlagene, Porzellan wieder zusammenzufügen. Denn auf diesem neuen, progressiven Wir müssen wir auch das neue Häuschen unseres Miteinanders aufbauen, das uns erlaubt, gemeinsam Lösungen für die Herausforderungen von Morgen zu finden. Es geht darum, die parallelen kulturellen Wertewelten, das konservativ bewahrende Wir mit den starken progressiven Individuen in eine kongruente Schwingung zu versetzen, um der aktuellen Komplexität Herr zu Werden. Dann sind wir bereit für ein Germany 2.0.