DIE HEUTIGE WELT AUS DER SICHT VON 2022

19.01.2021

Zum ersten Lockdown veröffentlichte der Zukunftsforscher Matthias Horx seine vielbeachtete Re-Gnose „Die Welt nach Corona“. Im Gegensatz zur Pro-Gnose schaut man bei der Re-Gnose nicht von der Gegenwart in die Zukunft, sondern von einem Punkt der Zukunft zurück in die Gegenwart. Schon im März antwortete Horx auf die Frage, wann wir alle wieder zur Normalität zurückkehren werden, mit einem klaren „Niemals“. Die Coronakrise ist eine Tiefenkrise, ein Gamechanger, bei dem die Zukunft die Richtung ändert. Der Fachbegriff hierfür lautet Bifurkation. Und die Vision der Bifurkation von Horx war voller Hoffnung für Herbst und Winter. Nun ist es kurz Weihnachten und die Lage war noch nie so ernst wie heute. Wenden wir nun erneut die Re-Gnose an, werden wir uns im Frühjahr 2022 darüber wundern, was mit uns in der Coronazeit geschehen ist.

Wir mussten feststellen, dass während sich Bundesregierung und Länderchefs über das Jahr ohne Einbeziehung der Parlamente einen Wettbewerb lieferten, wer der härteste Hund ist oder wer als erstes wieder lockert, übersehen wurde, eine langfristige Strategie zur Pandemiebekämpfung zu entwickeln, nämlich diejenigen zu schützen, die den Schutz am nötigsten hatten: die Alten und die mit Vorerkrankungen. Während der oft gescholtene Grüne Tübinger Bürgermeister Boris Palmer Schnell-Tests besorgte, um das Personal in Altenheimen engmaschig zu testen, Menschen über 65 kostenlos FFP2 Masken zu Verfügung stellte, ein exklusives Zeitfenster zum Einkaufen errichtete und Taxifahrten zum Buspreis anbot, starben zwei Drittel der Hessischen Coronaopfer in Altenheimen.

Wir mussten feststellen, dass Geld keine Probleme löst, wenn politischer Wille fehlt. Die Milliarden des Digitalpakts, die virtuellen Unterricht möglich gemacht hätten, kamen nicht in den Schulen an. Zwischen Frühjahr und Winter 2020 war in den Schulen nichts passiert und die Strategie zur Aufrechterhaltung des Unterrichts hieß Lüften bei Minusgraden – keine Digitalisierung, kein Einbau von Luftreinigungsgeräten in Klassenzimmern, nichts.

Wir mussten feststellen, dass die Regierungen in Bund und Ländern durch ihre Entscheidungen, welche Berufsbilder, welche Unternehmen und welche Unternehmensformen förderungswürdig sind und welche nicht, aus unserer sozialen Marktwirtschaft ein marktwirtschaftlicher Sozialismus wurde. Große Konzerne wurden gerettet, kleine und mittlere Unternehmen, die in Deutschland 99% der Betriebe ausmachen, Freiberufler und Soloselbständige fielen durch jedes Raster. Diejenigen, die dem Staat noch nie auf Tasche lagen und denen die Ausübung ihres Berufs untersagt wurde, erhielten nun den wirtschaftlichen Todesstoß, da sie Kriterien für Kredite nicht erfüllten, Grundsicherung als Auffangnetz vorgesehen war oder eine Einmalzahlung von 5.000 Euro für, wenn es schlecht lief, ein Jahr Verdienstausfall.

Verfassungsrechtliche Grundrechte wie die Ausübung der Religion, die Versammlungsfreiheit, die Freizügigkeit innerhalb Deutschlands, die Unverletzlichkeit der Wohnung, die Freiheit der Berufsausübung, all das wurde staatlich im Handstreich reglementiert oder zumindest diskutiert – teilweise mit einem neidvollen Blick auf die autokratischen Staaten Asiens, die durch Entzug von Freiheitsrechten so schnell aus der Krise rauszukommen schienen wie sie hinein gerutscht waren.

All das bis zum Frühjahr 2022 wieder zurückzudrehen, ist nicht möglich geworden. Weit bis ins Jahr 2021 sind Menschen gestorben – wegen fehlender Langfriststrategie und Unentschlossenheit bei der Zulassung und Bestellung von Impfstoffen. Ein Großteil der Gastronomie und Kulturbetriebe gibt es nicht mehr und in den Innenstädten herrscht Leere. In den Schulen ist noch Kreidezeit. Die Chance der positiven Bifurkation wurde vertan. Schade.