Das Momentum für neue Chancen von Wirtschaft und Miteinander

19.01.2021

Die Gefahr heute zum Zyniker abgestempelt zu werden, ist groß, wenn man versucht die Corona-Vollbremsung als Chance für einen Neubeginn zu sehen. Angesichts voller Intensivstationen und vieler gefährdeter Existenzen durch geschlossene Läden und Restaurants sowie verwaister Innenstädte, wirkt Optimismus für manch einen unagebracht und makaber. Wenn aber die Zukunft die Richtung ändert, lohnt es sich genauer hinzusehen und zu versuchen, das Momentum zu erkennen. War die letzte Krise im Jahr 2008 noch wirtschaftlich verursacht, sind die Krisen der Gegenwart mehrheitlich umweltbedingt. Einer der Gründe dafür ist, dass die Wirtschaft seit Beginn der Industrialisierung den Bezug zur Welt weitgehend ignoriert hat. Um diese Beziehung zu heilen, kam das Weltwirtschaftsforum im vergangenen Jahr in Anbetracht des nahezu globalen Lockdowns auf die Idee das Motto des „Great Reset“ auszurufen. Doch trifft der große Neustart der Wirtschaftssysteme die Lebensrealitäten der Menschen, oder war es nur der eitle Wunsch eine bedeutungsschwangere und zeitgeistige Überschrift zu finden? Ja, es ist gut, dass man sich von dem Narrativ der notwendigen aber solitären Rettung der Wirtschaft verabschiedet und nun von der Rettung der Welt spricht – schließlich braucht die eine das andere. Aber wie fair ist eine Aufbruchserzählung, die viele Wertschöpfende und deren Ertragsmodelle als gestrig abzuschütteln versucht?

Ein Neustart nährt Bilder von Aufbruch und neuer Erfolgschancen, doch verlangen die systemischen Zusammenhänge eine genauere Differenzierung statt eindringlicher Marketingnarrative aus dem Elfenbeiturm. Statt eines Neustarts sehen wir heute schon viel mehr den Durchbruch einer Next Generation Business, die Nischenmodelle der Vor-Corona-Zeit zu nachhaltigen Zukunftshoffnungen heranreifen lässt. Im sozialen Kontext werden wir die Rousseausche Idee des Gesellschaftsvertrags neu und stärker denken müssen, der Menschenwürde und soziale Gerechtigkeit vermehrt in den Fokus von Gesellschaft und Wirtschaft rücken wird; Unternehmensziele sind nicht mehr nur Gewinn, sondern auch Wirkung. Das untermauert auch das stärker werdende Verlangen, dass Arbeit zunehmend sinnvolles Handeln ermöglicht. Die gesellschaftliche Spaltung findet evolutionäre Chancen ihrer Überwindung in einer aufkommenden Wir-Kultur. Ein neues Mindset zieht in die Gesellschaft und fordert uns auf, den alten Erfolg loszulassen sowie Zukunft und Wachstum neu zu denken: statt eines „Immer mehrs“ brauchen wir ein „Immer besser“.

Die Zukunft ist und bleibt eine Vorstellung. Sie bildet sich in unserem Denken und Fühlen und manifestiert sich als Richtschnur unserer Entscheidungen. Sie macht zur Wirklichkeit, was Bedeutung für uns trägt. Deswegen sollten wir uns mutig für diese Zukunft entscheiden. Wir sind Teil davon. Wir formen das Miteinander, um Möglichkeitsräume zu schaffen. Und wir entscheiden, ob das eigene Tun zum Teil einer Next Generation of Business wird oder eben nicht. Das Momentum der Gegenwart ist die Chance unserer Zeit. Und wir entscheiden darüber, den Mut aufzubringen, um über uns hinauszuwachsen. Nicht für die Wirtschaft, sondern für uns alle.